AUSSTELLUNG
Skandi-stil 00 Anne Stenros
design-dieb - Tore Vinje Brustad ERLING DOKK HOLM
verfeinerter stahl und licht in glas - Harri Koskinen OUTI RAATIKAINEN
die kraft der kreativität entdecken - Tinna Gunnarsdóttir AUDUR ÓLAFSDÓTTIR
die jacke als menschenmaschine - Alex Souza BIRTHE LAURITSEN
was sie immer schon tun wollten - Thomas Bernstrand PERNILLA ǺBRINK
DIE NÄCHSTE GENERATION DES SKANDINAVISCHEN DESIGNS
Skandinavisches Design ist eine Lebensweise. Es zeigt einen Aspekt urbaner Realität, den man in den großen Metropolen nicht kennt. Es ist zugleich urban und naturverbunden. In der nordischen Lebensweise rückt die Natur nie in die Ferne - sie ist als unsichtbare Kraft präsent oder dominiert physisch: Viele Skandinavier verbringen die Wochenenden oder den ganzen Sommer auf dem Land, wo Wald und Wasser nahe sind, wandern durch die Wildnis oder entspannen sich in ihren Sommerhäusern. Die skandinavische Urbanität unterscheidet sich von der anderer Länder Europas, was nicht zuletzt am Klima liegt: Neun Monate verbringt man drinnen, die restliche Zeit aber genießt man nach Möglichkeit unter freiem Himmel - Tag und Nacht! Im Norden kommt der eigenen Wohnung große Bedeutung zu, ebenso den öffentlichen Räumen. Sie sind mehr als Straßen und Plätze, sie sind Orte der Begegnung.
Was die Ausgangspunkte betrifft, so war Design in Skandinavien eine Überlebensfrage. Je weiter man nach Norden vordringt, desto härter werden die Lebensbedingungen und desto spärlicher wird das Material. Dank Erfindungsreichtum und Hartnäckigkeit konnte mit geringen Ressourcen viel erreicht werden. Unter dem Zwang der Verhältnisse entwickelte sich eine Tradition der Schlichtheit und Vereinfachung. Angesichts der weiten Entfernungen gab man lokalem Material den Vorzug: lokale Holzsorten, lokale Techniken, lokale Energie. Eigene Visionen und Fertigkeiten werden seit jeher durch Einflüsse von außen ergänzt, die man zunächst von den skandinavischen Nachbarn und aus anderen Ländern Europas, später dann aus den Vereinigten Staaten bezog.
Das Konzept Skandinavisches Design wurde vermutlich in den 1950er Jahren von dem damaligen Direktor der Finnischen Gesellschaft für Kunsthandwerk und Design geschaffen; auf seine Anregung und unter seiner Leitung organisierten Finnland, Schweden, Dänemark und Norwegen eine große Wanderausstellung, Design in Scandinavia, die in den Jahren 1954 - 57 in den USA gezeigt wurde. Damit begann eine jahrzehntelange, fruchtbare Zusammenarbeit der skandinavischen Länder. In vier Jahren war die Ausstellung in 24 Städten in den USA und Kanada zu sehen und zog fast eine Million Besucher an.
Nachdem der Anfang gemacht war, folgten weitere Gemeinschaftspräsentationen unter dem Banner Skandinavisches Design. Die erste gemeinsame Ausstellung verdankt ihre Entstehung letzlich einer Äußerung von Elizabeth Gordon, auf der Mailänder Triennale 1951. Sie erkannte im dänischen, schwedischen und finnischen Design einige Gemeinsamkeiten, die bei einer gemeinsamen Präsentation deutlicher hervortreten würden.
Im Lauf eines halben Jahrhunderts ist aus dem Konzept Skandinavisches Design ein fester Begriff geworden, der immer noch einen positiven Beiklang hat. In den 80er und frühen 90er Jahren trat er vorübergehend in den Hintergrund, erlebte dann aber ein Comeback und wird heute vorwiegend für eine ganz bestimmte, bewusst schlichte Subkategorie des modernen Designs verwendet. Heutzutage könnte man skandinavisches Design fast als Stilrichtung bezeichnen - als "Scandi style", wie kürzlich in einer britischen Zeitschrift zu lesen war.
Doch trotz aller klimatischen, kulturellen und historischen Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die nordischen Länder durchaus voneinander. Besonders deutlich tritt dieser Eigencharakter im Fall Islands hervor, das ja auch geopraphisch isoliert ist. Charakteristika des skandinavischen Designs sind Alltagsnähe, praktische Verwendbarkeit und Schlichtheit. In den Werken junger Designer manifestieren sie sich im unprätentiösen Gestus und in der kontrollierten Verwendung des Materials. Helligkeit und Klarheit sind gemeinsame Nenner. Zeitlosigkeit und Vertrautheit mit dem Material verbinden die Kreationen junger Designer mit dem skandinavischen Modernismus und seiner Tradition. Die jungen skandinavischen Designer sind nicht trendbewusst, doch sie haben ein Gespür für Trends.
Die Designer von heute sind urbane Menschen. Die meisten haben im Ausland studiert und gearbeitet, und ihre Entwürfe sind im gleichen Sinne paneuropäisch wie die Werke von Designern aus anderen Teilen unseres Kontienents. Aus dieser Perspektive ist ein skandinavischer Hintergrund und Bezugsrahmen nicht signifikant und wird allenfalls im historischen Sinn hervorgehoben. Skandinavisches Design ist eine positive Tradition, deren Wert weltweit bekannt und anerkannt ist. In Skandinavien geht man an das Design seit jeher ebenso wettkampforientiert heran wie an den Sport. Für Finnen, Dänen und Schweden ist die Mailänder Triennale eine Designer-Olympiade, bei der es Medaillen zu erringen gibt. Mit der gleichen Einstellung gingen die Designer an die Eroberung der Vereinigten Staaten in den 1950er sowie Australiens und anderer Länder in den 1960er Jahren. Design war und ist in Skandinavien eine Art nationaler Mannschaftssport; die Starspieler können auf die Unterstützung ihrer Landsleute bauen.
Ich werde oft gefragt, worin sich finnisches Design von demjenigen anderer skandinavischer Länder unterscheidet. Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn es hat immer eine enge Interaktion zwischen den Ländern gegeben, und zu einem gewissen Grad orientiert man sich an denselben Grundprinzipien. Unterschiede finden sich hauptsächlich auf emotionaler Ebene: Die Dänen sind ein wenig "südlicher", die Finnen ein wenig "östlicher", die Norweger "nördlicher", und die Schweden halten sich an den goldenen Mittelweg. Die Isländer haben ihre ureigenen Wurzeln. In der Praxis geht es um nationale Nuancen, die unter dem Einfluss von Kultur, Industrie, politischen Konjunkturen, Bildung und Wirtschaft des jeweiligen Landes entstanden sind.
Heute investieren die Regierungen aller skandinavischen Staaten in Design. In Norwegen, Dänemark, Schweden und Finnland wurden nationale Programme zur Unterstützung und Entwicklung des Designs vorgelegt. In Kopenhagen wurde kürzlich ein neues Gebäude für das Dänische Designzentrum fertiggestellt, in Schweden konnte Svensk Form Ende 2000 einen neuen Anbau beziehen, in Oslo erweitert Norsk Form seinen Wirkungskreis, und in Helsinki entsteht auf dem Reißbrett ein Gemeinschaftsgebäude für finnische Architektur, Design und Konstruktion, während in Reykjavik das seit langem geplante Isländische Designmuseum eröffnet wurde. Alle diese Aktivitäten haben das Ziel, das skandinavische Design auch in der Zukunft so lebendig und innovativ zu erhalten wie es bisher war. Skandinavisches Design hat eine starke Tradition, doch es benötigt Erneuerung und Verbesserung. In diesem Projekt haben junge Designer eine wichtige Zukunftsaufgabe - die Rückeroberung der Welt!
Anne Stenros
Austellungskuratorin
Geschäftsführerin
Design Forum Finland